Resorbium 11 – Ich bin Legende

Die Überlebenden hatten sich in dieser Savage-Worlds-Zombie-Überlebenshorror-Kampagne bereits zurück zum Ausgangspunkt begeben. Sie standen nun vor der Stadtvilla des Professors und an sich hätte das Szenario „Ich bin Legende“ vorbei sein können. Allerdings hatte ich noch einige Überraschungen im Hinterkopf und wollte den Spielern die Möglichkeit geben, weitere Informationen zu erhalten.

Während Erwin und Johann nun auf der Straße die Stellung hielten – beide Spieler waren noch abwesend – sicherte Richard das Grundstück. Der Spieler und auch seine Figur waren den Wachhunden gegenüber misstrauisch. Also beschrieb ich, wie die Hunde offensichtlich gezielt bestimmte Sachen an Richard beobachteten. Jedenfalls kam es dem Soldaten so vor.

Marcel und Tina standen also vor der Haustüre des Professors. Für die nun geplante Szene hatte ich also zwei Figuren zur Verfügung, die sicherlich unterschiedlich reagieren würden. Eine Entscheidung war schwer, also überließ ich sie dem Zufall. Somit schob Eva ihre kleine Hand vertrauensvoll in Marcels Hand. Die beiden Überlebenden hörten schon, wie der Schlüssel im Türschloss umgedreht wurde, dann fragte Eva mit großen Kinderaugen leise in Richtung Marcel „Wird Papa mir wieder wehtun?“ und schon öffnete sich die Türe.

Ha, was für eine herrlich vertrackte Situation. Marcels Spieler machte ein ziemlich verdutztes bis entsetztes Gesicht, Drama, Gewissenskonflikte, ein moralisches Dilemma gepaart mit Unwissenheit. Tina hätte den Professor wahrscheinlich über den Haufen geschossen und sich Eva geschnappt, aber Marcel war da anders gestrickt.

Das Quartett – Kindermädchen Oberst Erna Krainer war ja ebenfalls dabei – betrat nun die Villa. Schmidt suchte im Arbeitszimmer noch ein paar Sachen zusammen und Marcel folgte ihm. Er war nun besonders misstrauisch und sah sich genau um. Der Professor klemmte sich seinen Aktenkoffer unter den Arm und hantierte dann am Schachbrett herum, das auf seinem Schreibtisch stand. Beide Könige fehlten und die weiße Dame lag auf dem Brett. Der Professor stellte die Dame wieder auf und nahm den weißen Springer runter. Nach einem kurzen Gespräch über Resorbium verließen die beiden wieder das Arbeitszimmer. Als nächstes Ziel stand das Imtech Stadion auf dem Plan.

Professor Schmidt schloss hinter sich die Villa ab und nahm zwei seiner Wachhunde mit. Dann stiegen alle in den Mannschaftswagen um. Richard, Marcel und Tina saßen vorne. Marcel holte auch Eva dazu, damit die Kleine Richard beim Fahren zusehen konnte. Natürlich war das nur ein Vorwand, damit der ehemalige Zivi das kleine Mädchen unauffällig genauer anschauen konnte. Tatsächlich entdeckte er unzählige Einstiche in den Armbeugen der Kleinen. Marcel wurde mulmig zumute. Seine Gedanken waren schnell woanders, als Schüsse auf der Straße laut wurden.

Mein für die Fahrt zusammengestellter Zufallsgenerator ergab ein ziemlich buntes Ergebnis. Und gleichzeitig die Möglichkeit, ein etwas bequemeres Gefährt für die Überlebenden bereitzustellen. Wenn auch ungleich bunter als der Mannschaftswagen.

Auf der Straße standen nun einige bullige Kerle in Bomberjacken, mit dem deutlichen Schriftzug „Security“ hinten drauf. Sie hatten Waffen gezogen und schossen einige Zombies um. Natürlich bremste Richard sofort. Die Überlebenden boten an die Leute mitzunehmen, was bei Erwin auf wenig Gegenliebe stieß. Vor allem Ali, der Chef der Truppe, war ihm ein Dorn im Auge. Die Security -Männer waren einverstanden. Allerdings wollten sie noch die Jungs vom Parkplatz mitnehmen. Ein Blick dorthin ließ den Überlebenden das Blut in den Adern gefrieren, denn dort stand der Tourbus von „Tokio Hotel“. Nach einem ersten Schrecken beruhigte sich die Lage wieder, denn es war nur der Tourbus. Die Band befand sich derzeit in im sicheren Japan. Die Security hatte den Bus zu einer Inspektion gefahren und war dann von der Zombieplage überrascht worden. Die Überlebenden ignorierten die Annehmlichkeiten des Tourbus, luden noch zwei weitere Bodyguards ein und dann ging die Fahrt weiter. Erneut füllte sich der Mannschaftswagen mit Menschen. Erwin wurde langsam sauer. Wenigstens war Johann noch immer auf seiner Seite.

Nach zwei Kilometern kam es erneut zu einer brenzligen Situation. Einige Zombies hatten eine Art lebende Pyramide gebildet, um ins obere Stockwerk eines Gebäudes zu gelangen. Richard wollte die Zombies sofort umfahren, aber Marcel und Erwin kam die Situation komisch vor. Tatsächlich waren es keine Zombies sondern Schauspieler des Ohnsorg-Theaters. Sie hatten sich als Zombies verkleidet, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die Schauspieler waren auf der Suche nach einem guten Versteck und Lebensmittel. Dankbar nahem sie das Angebot an, mit zum Imtech Stadion zu fahren. Der Wagen wurde voller und voller.

Kurz vor dem Stadion kam es erneut zu einer dramatischen Situation. Richard fuhr gerade über die Zufahrtsstraße, als über einen Seitenweg zwei Leute auf sie zugelaufen kamen. Es handelte sich hier um ein Hochzeitspaar, das auf dem Weg zum Stadion war. Leider wurden sie von Zombies überrascht und befanden sich auf der Flucht. Das Pärchen hatte den Wagen gesehen und erhoffte sich nun Rettung – er im Anzug und sie im Hochzeitskleid mit langem Schleier. Hinten dran eine kleine Meute Zombies.

Für die Überlebenden war es natürlich klar, dass sie den beiden helfen mussten. Allerdings kippte die Situation schnell. Denn um den Zombies entkommen zu können, trat der Bräutigam (181 cm, 65 kg) seiner Angetrauten (162 cm, 85 kg) heftig auf den Schleier. Die Frau kam ins Stolpern und fiel. Die beiden hatten natürlich Panik und Angst. Und die Überlebenden waren erst einmal überrascht ob dieser Aktion des Mannes.

Richard stellte den Wagen erst einmal quer, Marcel sprang raus und eilte zur am Boden liegenden Frau. Tina zog ihre Waffe, während Erwin den Wasserwerfer bemannte. Richard öffnete nun die Wagentüre und sprang ebenfalls ins Freie. Dabei zog er seine Waffe. Während der Bräutigam um den Wagen herum lief und hinten einstieg, eröffneten die Überlebenden das Feuer. Marcel stellte sich schützend vor die Frau. Die kam schnell wieder auf die Füße und begann Marcel von hinten zu umklammern, so dass er kaum noch Luft oder Bewegungsspielraum bekam. Glücklicherweise konnte er die Braut überreden zum Wagen zu laufen, bevor die ersten Zombies heran waren.

Tina hatte Zwischenzeitlich ihre ganz eigenen Probleme. Der Bräutigam wollte einfach nur weg von den Zombies. Also drückte er sich an ihr vorbei und setzte sich auf den Fahrersitz, um loszubrausen. Tina verpasste ihm einen Kinnhaken und der Mann ging zu Boden. Schon klickten die Handschellen, da kam auch schon die Braut vorne hereingeklettert. Sie wollte nun ebenfalls losfahren, aber Tina blaffte die Frau an und schickte sie nach hinten. Die Braut verkroch sich also, sah ihren frisch angetrauten Mann und begann erst einmal ihn zu treten und zu schlagen. Anschließend warf sie ihn aus dem Bus. Glücklicherweise waren die Zombies alle erledigt. Keiner konnte den Wehrlosen angreifen. Wenige Minuten später legten dann alle den restlichen Weg zum Stadion ohne weitere Störung zurück.

Richard brachte Professor Schmidt, Eva und Oberst Krainer zum befehlshabenden Offizier; die anderen Überlebenden suchten ihre Freunde und Angehörigen im Stadion auf. Viele der Flüchtlinge hatten eine Erkältung, waren müde und erschöpft. Alle sehnten ein Ende der Quarantäne und eine Rückkehr zur Normalität herbei.

An dieser Stelle endete das Szenario „Ich bin Legende“. Einige Geheimnisse der Handlung wurden übersehen oder ergeben erst im späteren Spielverlauf einen Sinn. Ich überlegte sofort das Szenario „28 Tage später“ zu starten, aber schlussendlich hatten die Spieler auch eigene Ideen und ein wenig Füllstoff würde die Kampagne sicherlich auflockern. Überhaupt waren die ersten zehn Spielsitzungen sehr schnell vergangen. Jedenfalls gab es noch die ein oder andere Sache, die angespielt werden konnte.

Die Überlebenden suchten sich nun Ausrüstung zusammen. Niemand traute den Behörden und alle vermuteten, dass die Impfung Nebenwirkungen haben könnte. Der Mannschaftswagen wurde aufgetankt. Dann verfrachteten die Überlebenden alle für sie wichtigen Personen ins Innere und  die Truppe fuhr erst einmal aus dem Stadion raus, um dort die angebliche Impfung aus der Luft abzuwarten. Richard wusste ja, dass sie nur dazu diente, um die Hamburger zu beruhigen. Kaum war der Sprühregen über der Stadt niedergegangen, da gingen in Hamburg auch alle Lichter aus. Der Strom war abgestellt. Ansonsten geschah nichts.

Die Überlebenden verbrachten die Nacht im Mannschaftswagen. Früh am Morgen sollte es dann losgehen. Kurt, Erwins Kumpel, wollte erst einmal ins Stadion um sich zu waschen und frisch zu machen, Richard hatte aber keine Lust zu warten. Der Bundeswehrpilot wollte so schnell wie möglich weiter. Deswegen ging es erst nach einer kurzen Kabbelei los. Johann und Erwin vertraten dabei die Meinung, man dürfe und könne nicht immer wieder auf Leute am Straßenrand Rücksicht nehmen.

Als nächste Station war der Schrebergarten eingeplant, in dem sich im Notfall Marcels Rollenspielgruppe verstecken sollte. Von dort aus sollte es dann zum Altersheim gehen, um Opa Hansen abzuholen. Aber alleine die Fahrt zum Schrebergarten sorgte schon für genug Aufregung. Einige der Überlebenden wollten eigentlich lieber so schnell wie möglich die Stadt verlassen.

Unterwegs kam es dann zu einer weiteren Begegnung. Am Straßenrand standen drei aufreizend gekleidete Bordsteinschwalben und ein wuchtiger Kerl in Pelz und mit Rolex. Für Erwin war klar, hier musste weitergefahren werden. Trotzdem hielt Richard erst einmal an, ganz zur Freude von Johann. Der war von den Huren ganz angetan und setzte sich dafür ein, die Leute mindestens bis zum Schrebergarten mitzunehmen. Also ging es mit vergrößerter Mannschaft weiter. Tina war der Sache gegenüber misstrauisch und kontrollierte erst einmal die Ausweise. Zumindest Mindy schien Minderjährig und ihr Zuhälter – der sich als Russen Ivan vorstellte – war der jungen Polizistin ein Dorn im Auge.

Schon fuhr Richard in die Schrebergartenkolonie ein und Marcel zeigte ihm den Weg. Das kleine Fleckchen Grün der Hansens war schnell gefunden. Jemand hatte Sonnenblumen und Kakteen auf der Wiese aufgebaut. Die Jungs waren also da.

Die Begrüßung war stürmisch und die Spielgruppe war froh, das Marcel endlich da war. Immerhin spielten sie seit zwei Tagen an ihrer Kampagne weiter und der Kleriker des Zivildienstleistenden wäre jetzt eine große Hilfe. Die anderen Überlebenden schüttelten nur den Kopf. Marcel und seine Freunde sprachen sich kurz ab, dann wurde alles wichtige verpackt: Grundregelwerke, Limonade, Chips, Würfel und kalte Pizza. Flugs war alles schnell im Wagen verstaut. Richard und Erwin wollten den Zuhälter und die Huren nun zurücklassen, aber Marcel und – vor allem – Johann setzten sich für die Leute ein. erneut kam es zu einem kurzen Disput, dann fuhren alle weiter. Mindy schmiegte sich an Johann, den sie nun als ihren neuen Beschützer ansah, was Russen Ivan mit wütendem Blick bemerkte. Bis zu diesem Zeitpunkt verlief aber noch alles nach Plan.

Die Überlebenden hatten nun vor, über Schleichwege Hamburg zu verlassen. Marcel setzte sich dafür ein, im nahen Altersheim erst einmal nach Opa Hansen zu sehen. Während sich die Überlebenden und die Flüchtlinge darüber unterhielten – und Mindys Hand unauffällig in Johanns Hose verschwand -, kam auf der rechten Seite eine Kolonne Flüchtlinge in Sicht. Es waren sicherlich an die einhundert Leute, die mit dem nötigsten bepackt versuchten die Stadt zu verlassen; die Anweisung der Behörden wohlweislich ignorierend.

Mein Gedankengang bei dieser Begegnung war, dass es mehr Gruppen wie die Überlebenden geben wird. Jedenfalls in der Zusammensetzung. Davon ausgehend habe ich diese Gruppen vergrößert und entsprechend der Rollenzusammensetzung meiner Spieler die Flüchtlinge zusammengestellt. Also befanden sich einige gute bewaffnete Leute in der Masse, die ähnlich dachten wie Erwin und Johann: Der Einsatz von Gewalt ist legitim, um das eigene Überleben zu sichern – Notfalls den eigenen Erwartungen nachgeben.

Während die Überlebenden also mit ihrem bepackten Mannschaftswagen an den Flüchtlingen vorbeifuhren, wollten die natürlich wissen wer die Leute sind und einige Menschen hatten auch ein Auge auf die Ausrüstung geworfen. Immerhin waren einige Stücke auf das Dach des Wagens geschnallt. Die Begehrlichkeit der Masse war dementsprechend. Richard ignorierte allerdings die Handzeichen und Zurufe der Leute. Stattdessen fuhr er die Reihe nun in erhöhtem Tempo ab.

Bei den Flüchtlingen machte sich nun Unmut breit. Die Erwins und Johanns der Truppe traten jetzt  vor und gaben wütend Schüssen auf den davonbrausenden Mannschaftswagen ab. Es gab Blechschaden und einige Kugel trafen den Motor. Der Wagen wurde von Richard zwar auf der Straße gehalten, hatte aber schwere Schäden erhalten.

Mein Plan sah nun vor, dass  als nächstes die Vernünftigen Flüchtlinge ihre bewaffneten Kumpanen überwältigen und so am weiterschießen hindern würden. Allerdings flammten in Erwin Racheglüste und Panik auf. Der alte Mann hob seinen Panzerschreck und gab einen Schuss auf die Menge ab. Der Treffer kostete einem Dutzend Menschen das Leben, darunter auch Frauen und Kinder. Die Flüchtlinge waren teilweise geschockt, aber auch aufgebracht. Die Bewaffneten Flüchtlinge stürmten ein Stück vor und feuerten aus allen Rohren. Obwohl Richard ordentlich Gas gab, wurde der Mannschaftswagen regelrecht zersiebt. Nur das fahrerische Können Richards hielt die Karre auf der Straße. Und erneut war das Glück den Überlebenden hold, denn trotz unzähligen Querschlägern gab es nur Blechschaden. Die Schützen hatten auch vorrangig in Richtung Erwin gehalten, der aber keinen Kratzer abbekam.

Die Überlebenden knatterten mit der Schrottkarre um die nächste Ecke. Der Motor hustete und spuckte, der ganze Wagen bockte und wurde stetig langsamer. Richard war klar, in wenigen hundert Metern würde der Bus den Geist aufgeben. Die meisten der Überlebenden waren zudem noch entsetzt, angesichts der Situation und dem tödlichen Einsatz von Erwins Panzerschreck.

Eine ziemlich dramatische, aberwitzige und auch entartete Situation. Das ist – vor allem – für die friedlicheren Charaktere und Spieler ganz schön harter Tobak. Immerhin kennt das Resorbium-Setting keine einfachen Schwarz-Weiß-Zeichnungen, wie es die meisten Fantasy-Settings haben. Da ist es leichter jemanden in die Schubladen Freund oder Feind zu stecken. Allerdings ist der Verlust an Menschlichkeit und die brutale Vorgehensweise von Erwin verständlich, auch einige der anderen Figuren – und deren Spieler – halten dieses Vorgehen für angemessen, da sie davon ausgingen und -gehen, ihre eigenen Leute zu schützen und vor Übel zu bewahren. Einen guten Artikel zum Thema gibt es auf SPON: Wehrmachtssoldaten im O-Ton – „Wupps, so ringehalten. Das macht Spaß!“. Zudem muss auch zwischen Spiel und Realität unterschieden werden. Der Verlauf ist aber auch hilfreich, um Moral- und Gesinnungssysteme andere Rollenspiele und Settings zu betrachten.

Die Situation wird sicherlich noch Dramatik und Spannung sorgen, denn wenige Sekunden später klingelte das SAT-Telefon, das Marcel von Schmidt hatte. Für mich eine spannende Spielsitzung, denn schlussendlich fand an diesem Spielabend die Entscheidung zwischen „28 Tage später“ und „Das ortsansässige Böse“ statt. Gedacht war es dabei eigentlich so, letzteres Szenario zu spielen, falls die Überlebenden bei „Ich bin Legende“ versagen oder sich gegen Schmidt stellen. Nun hat sich aber eine weitere Möglichkeit ergeben, um „Das ortsansässige Böse“ anzuspielen. Ich bin jedenfalls gespannt …

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