Neue Ufer

Neue UferAndreas Schnell
Neue Ufer

13Mann Verlag; Taschenbuch; 2009
300 Seiten; ISBN 978-3941420816
Lektorat: Anke Schnell

Bei „Neue Ufer“ handelt es sich um einen Roman, der im „Heredium“-Universum angesiedelt ist. „Heredium“ ist wiederum ein Rollenspiel aus der Feder von Andreas Schnell – dem Autoren des Romans – und wird ebenfalls vom Verlag 13Mann publiziert. Bei dem Spiel handelt es sich um ein Endzeit-Szenario, gewürzt mit mutierter Natur, Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten und regelrechten Inseln der Zivilisation. Die schlussendliche Endzeit wurde dabei durch den Mondfall ausgelöst, der das Antlitz der Welt für immer veränderte.

Von diesem Mondfall hat der Held der Geschichte – Lennard – keine Ahnung. Er verbrachte die letzten zehn Jahre im Koma. Doch nun regen sich seine Geister wieder und es gibt Anzeichen, dass Lennard bald aus seinem Schlaf erwacht. Das ist der Unterwelt-Familie Harada ein Dorn im Auge. Sie will den Komapatienten aus dem Weg schaffen. Davon erfährt die Krankenschwester Jenny, die das keinesfalls zulassen kann. Sie rettet Lennard aus dem Krankenhaus, der kurz darauf zu sich kommt und von Jenny hochgepäppelt wird.

Glücklicherweise lernen die beiden Flüchtlinge den Renegaten Marek kennen, der ebenfalls beschließt Lennard zu helfen. Einfach so, dem Gefühl nach. Das Trio verlässt die Metropole und begibt sich auf eine Reise durch die mutierte Natur. Dabei lernt Lennard immer mehr über den Mondfall und wie radikal sich die Welt veränderte. Lennard beschließt nun Debellatoren aufzusuchen, Menschen, die wie er, mittels ihren mentalen Fähigkeiten regelrechte Wunder vollbringen. Dabei stellt sich heraus, dass Lennard etwas ganz Besonderes ist …

Was in erster Linie auffällt ist der Umstand, dass der Roman stark an eine TV-Serie oder einen Kinofilm erinnert. Vor allem Quentin Tarantinos Kultstreifen „Kill Bill“ scheint Pate gestanden zu haben, ebenso moderne Serien wie „CSI“. Das würde jedenfalls einiges erklären, vor allem den Einstieg des Romans und auch die schnellen, ärgerlich gesetzten Szenenwechsel des Romans. Diese finden beinahe auf jeder zweiten Seite statt und verhindern, dass sich der Text entwickeln und entspannen kann. Andreas Schnell mag ein ambitionierter Autor sein der mit Herzblut bei der Sache ist, aber vom Schreiben eines Romans hat er keine Ahnung. Das merkt man seinem Debüt leider an. Ein Roman folgt anderen Regeln der Dramatik als eine TV-Produktion. Der Leser will in die Welt eintauchen, sie erfahren und die Figuren kennenlernen. Dazu muss er eine Bindung herstellen. Unmöglich in diesem Roman, der ganze drei Handlungsstränge besitzt, die allesamt parallel mittels schnellem Szenenwechsel ablaufen – und die Handlung in Disharmonie zurücklassen. Zudem scheint der Wortschatz des Autoren begrenzt zu sein und fließen stetig geflügelte Worte ein, bemüht Andreas Schnell Klischees und Stereotypen, scheint in bestimmte Namen und Konstellationen verliebt zu sein. Das würde die stete, nimmermüde Wiederholung dieser Namen und Konstellationen erklären.

Ebenso ärgerlich ist, dass fortwährend neue Personen im Roman erscheinen die aufgebaut werden und schlussendlich keinerlei Bedeutung besitzen. Das zieht die Konzentration des Lesers vom Wesentlichen ab und ist verwirrend. Viele der neuen Figuren haben gar keine Bedeutung für die Handlung, sind pure Randerscheinungen und somit unnötiger Ballast.

Dem Namen nach scheint der Autor auch mit der Lektorin – Anke Schnell – verwandt zu sein. Das würde jedenfalls erklären, warum so viele Stilfehler im Text enthalten sind und wahre Blüten treiben. Da ist gerne mal die Rede von „aggressivem Neonlicht“ – wobei sich die Frage stellt, was ein aggressives Neonlicht von normalem Neonlicht unterscheidet. Es geschieht nun öfter im Roman, dass ein geflügeltes Wort die Aufgabe übernehmen muss, eine Szene oder eine Handlung zu beschreiben. Auch die wörtliche Rede der Figuren ist grausig. Die blassen Charaktere wirken zu keinem Zeitpunkt lebendig und sämtliche Dialoge sind platt. Meist hat man das Gefühl, man würde dem Autoren bei einem Gespräch lauschen, anstatt den Protagonisten. Das sind eindeutige Anfängerfehler.

Ein weiterer Schwachpunkt des Romans ist die Tatsache, dass es kein Konzept gibt. Lennard geht mal nach Links, mal nach Rechts und dreht sich anschließend im Kreis. Es drängt sich spätestens hier der Verdacht auf, Andreas Schnell habe sich einfach an die Tastatur gesetzt und drauflosgeschrieben, ohne Ahnung von Ziel und Technik. Schade, denn manchmal blitzt schon ein wenig Talent durch. Leider viel zu selten, um damit einen vollständigen Roman zu füllen. Eine Anthologie wäre die bessere Wahl gewesen. So bleibt eine uninspirierte und langweilige Geschichte übrig, die von leblosen Figuren erzählt und dabei gleichzeitig verwirrt.

„Neue Ufer“ mangelt es an vielen Dingen. So gibt es weder einen tatsächlichen globalen Konflikt, noch innere Konflikte. Keine unvorhergesehene Wendungen, keine echten Erzählhaken oder Figuren, an denen man sich reibt. „Show, don’t tell“ scheint ebenfalls ein fremdes Konzept für den Autoren zu sein, hätte dem Roman aber gutgetan. Allerdings hätte Schnell somit wohl auf die vielen, vielen, sehr vielen Szenenwechsel verzichten müssen – was für den Roman ebenfalls gut gewesen wäre. Dem Buch kann man wenigstens zugutehalten, dass die Aufmachung mittels Satz, Layout und Cover gelungen ist.

Ebenfalls negativ fällt auf, dass es sich bei dem Roman eigentlich um eine Geschichte zum Rollenspiel „Heredium“ handelt. Leider mangelt es an tiefgehenden Verknüpfungen oder neuen Einblicken in dieses Universum. Im Gegenteil, der Endzeit-Hintergrund des Romans ist beliebig austauschbar. Es wird zu wenig auf die Besonderheiten dieser Welt eingegangen. Aber wie auch? Lennard und seine Freunde hetzen durch die Welt und lassen keine Zeit, um sich mit einem Aspekt der Welt tatsächlich zu beschäftigen. Sehr schade.

Ob und wie sich die Geschichte um Lennard weiterentwickelt, wird die Zukunft zeigen. Das Ende des Romans ist dahingehend jedenfalls offen. Offen ist auch, ob sich Andreas Schnell als Autor noch steigern kann. Es sind zwar Ansätze vorhanden, doch ohne Konzept, grundlegende Techniken und ordentliches Lektorat wird es ein schwerer Weg.

Schlussendlich ist „Neue Ufer“ eine langweilige Sache. Fans des Rollenspiels mögen ja einen Blick wagen, alle anderen sollten von dem Buch die Finger lassen.

Copyright © 2010 by Günther Lietz

7 Kommentare

  • Ich habe den Roman noch nicht gelesen, aber mich wundert etwas, dass du im Besitz der allgemeingültigen Formel bist, wie ein Roman geschrieben zu sein hat.

    Die Rezension ist zweifellos gut geschrieben und sehr interessant, aber was hast du gegen rasche Szenenwechsel? Das ist einfach (oder soll es eventuell sein) eines der Merkmale postmoderner Literaur. Zieh dir mal die Illuminatus-Trilogie rein. Da wechseln Zeiten, Personen und Orte teilweise innerhalb einer Zeile, ohne dass es irgendwie kenntlich gemacht wird.

    Wie gesagt, den Roman kenne ich nicht, habe ihn aber hier im Regal stehen, bist du sicher, dass diese Szenenwechsel nicht einfach ein Mittel sein sollen, um Tempo in den Aufbau zu bringen?

  • Schnelle Szenenwechsel als Stilmittel oder um Druck aufzubauen ist okay, aber hier wird Speed aus der Geschichte genommen, eindeutig. Man muss mit diesem Werkzeug halt auch umgehen können. 🙂

  • Als Rezensent muss man es nicht unbedingt besser machen können, allerdings finde ich die Rezension schon ein wenig „over the edge“. Man merkt das Taysal mit dem Roman nichts anfangen konnte, ist aber auch vollkommen ok.

    Negativ ist mir ebenfalls das Lektorat aufgefallen, wobei ich auch hier schon wesentlich schlimmeres gesehen habe. Die Geschichte fand ich dagegen spitze und gerade die Szenenwechsel finde ich 1A. Die bringen Geschwindigkeit und Spannung in die Geschichte. Ebenso die Dialoge der Charaktere, ich fand sie gut und ausgewogen.

    Die 300 Seiten sind auf jeden Fall zu wenig und ich hoffe einfach mal das ein neuer Teil dazu kommt, der die Geschichte um Lennard weiter strickt.

    Guter Roman mit Abstrichen, ich würde ihm eine 2 geben.

  • Oh, ich kann mit dem Roman sehr wohl etwas anfangen, vor allem da mir die Welt und das Rollenspiel gut gefallen. Ich erkenne allerdings, ob jemand ein guter Rollenspielautor oder ein Romanautor ist. Falsche Rücksichtnahme ist da fehl am Platz, denn das würde mangelnden Respekt dem Autoren gegenüber bedeuten.

    Würde ich Herrn Schnell weichspülen, dann nähme ich ihm ja die Möglichkeit Fehler zu erkennen, sich zu verbessern und weiterzuentwickeln. Wie das enden kann, sieht man jährlich im TV, sobald DSDS über den Schirm flimmert und sich Menschen lächerlich machen, deren Verwandte und Gesangslehrer ihnen attestierten sie hätten Talent und würden verdammt gut singen. Da ich *keinem* Autoren solch eine öffentliche Lächerlichkeit wünsche, bin ich lieber ehrlich. 🙂

    Da ich keineswegs die allgemeingültige Formel kenne um gute Romane zu schreiben, hier ein guter Link für Einsteiger:

    http://www.andreaseschbach.de/schreiben/page21/page21.html

    Allgemein kann ich Herrn Havemanns Magazin nur wärmstens empfehlen.

    Da ich mir der kontroversen Debatte – jenseits von ‚Knowledge (Wikipedia)‘ – zur postmodernen Literatur bewusst bin hier abschließend ein Zitat aus „Roman oder Leben“ von Wittstock:

    „(…)Der Schriftsteller der Postmoderne sieht sich mit der schier endlosen Klaviatur von Sprachebenen in unserer Gegenwart konfrontiert. Statt einen zusätzlichen, mit seinem persönlichen Signum versehenen, Ton zu etablieren, reizt es ihn, auf der gesamten vorhandenen Klaviatur zu spielen – was ihn nicht daran hindern muß, seinem Spiel einen unverwechselbaren Rhythmus und Charakter zu geben.(…)“

  • Hallo Taysal,

    nichts gegen Kritik. Ich denke diese ist sowohl nötig als auch angebracht. Ich empfinde es immer als ein wenig von oben herab gesprochen oder so gesagt: es ist dieser Lehrerton der komisch ist.

    Eine Rezi ist ja immer subjektiv und spiegelt die Meinung des Rezensenten wider aber ich wollte eigentlich gar nicht so viel dazu schreiben. Die Rezi ist schön geschrieben, wird aber dem Buch nicht gerecht wie ich finde. Du findest es schlecht, ich finde es gut. Es werden Meinungen dargestellt. Vielleicht wäre es einfach besser gewesen dieses Gefühl der Allgemeingültigkeit, das mein Vorredner ja scheinbar auch hatte, nicht mit einfließen zu lassen aber vielleicht bilden wir uns beide das ja nur ein. 😉

    Was das weichspülen angeht, so sehe ich das aber genauso.

  • Das ist doch das Schöne an der Welt, unterschiedliche Meinungen. 🙂

    Du kannst Deine Rezi hier gerne als Kommentar einstellen. Ich bin ja keineswegs der Weisheit letzter Schluss. 😉

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